Musikkritikkritik

Über Musik zu schreiben ist hoffnungslos. Nur haben wir nichts besseres, abgesehen von Musik über Musik. Um so wichtiger ist es, dass mit neuen Formen des Schreibens über Musik experimentiert wird.

In der aktuellen Ausgabe der Spex ist zum zweiten Mal das so genannte »Pop Briefing« erschienen – ein laut Redaktion »radikaler Schritt« hin zu einem »Neustart der Musikkritik«: Anstatt von nur einem Autor werden hier Alben von mehreren und im Dialog besprochen. Ob Autorenanzahl und die versprochene Meinungsdiversivität in einem eindeutigen Verhältnis stehen, bleibt fraglich.

Was ich aber schon mal nicht unbedingt brache, ist eine Kaufberatung oder einen pseudo-vollständigen Testbericht. Besser ist eine begründete Meinung über ein Popding, von dem ich möglicherweise auch schon anderes gehört habe. Gerade wenn es um Pop geht, muss ich nicht sorgsam an die Hand genommen werden. Zur Abbildung von Meinungsvielfalt, war das »Pop Briefing« nicht nötig, wenn aber eine »Ablehnung des ganzen Scheiß« wahrscheinlicher wird, wäre das eine gute Sache.

Es bleibt, dass gedruckte Popkritik und das Format des Albums zusammen gehören, besonders im Kontext Zeit: So wie ein Album heute häufig in der hintere Hälfte eines Hypes erscheint, informiert gedruckte Musikkritik immer weniger über das Neue und Heiße, sondern eher über das, was durchgehalten hat. In beiden Fällen geht es eher um Bündelung und Rückschau, weniger um die Anfänge eines Trends.

Das Gute daran: So wie auf einem Album die bekannten Hits den experimentellen Tracks den Rücken frei halten können, so kann eine laufende Diskussion um ein Stück Pop die beste Basis sein für experimentellere Meinungen zum Popding. Ist das Grundsätzliche bekannt, ist das ausgeschlossene Dritte willkommener. Es braucht also vielleicht weniger ein internet-simulierendes Dialogformat, als viel mehr Wiederholung, Rückschau und Reorganisation. Gedruckte Musikkritik könnte Arrièregarde statt Avantgarde sein.

Fast so in der Berliner Gazette erschienen.