90er

Es ist nur eine Frage der Zeit bis die 90er noch mal ganz groß zurückkommen. Bisher werden die Straßen zwar noch beherrscht von Karotten-Hosen und New-Wave-Frisuren, aber die ersten Zeichen einer neuen alten Zeit zeigen sich schon. Außerdem lehrt es uns einfach die Erfahrung, dass mit einem Jahrzehnt Abstand die Revival-Wahrscheinlichkeit signifikant in die Höhe schnellt. So wie es Ende der 90er zur Wiederaufnahme der 80er gekommen ist, könnte es schon bald soweit sein, dass sich die 90er breit zurückmelden. Und das will vorbereitet sein.

Ein geeignetes Feld für Erinnerung und Ausgrabung bietet sicher die Musik. Zwar ist weder Techno noch Hiphop in den 90ern erfunden worden, aber beide sind in jenem Jahrzehnt gewachsen – und dabei freilich auch intensiver als zuvor vom Markt entdeckt worden. Hervorragend beobachten kann man das an Eurodance, einer billigen und populären Fusion aus Techno-Beats und Rap-Parts, verpackt in einer zuckrigen Pop-Hülle, die es höchst erfolgreich zustande gebracht hat, dass sich beide Elternteile gehörig hatten schämen müssten für ihr Junges. Dabei trägt diese Superpopmusik sogar Politik im Namen, denn Europa ist in den 90ern keine Front mehr, sondern auf eine neue Art wieder ein Kulturraum.

Das wirklich Gute von dem, was in den 90ern das Neue war, soll hier aber nicht vergessen werden. Gerade die elektronische Musik lieferte auch unerhört Mächtiges. In England brachen zuerst Jungle und wenig später Drum’n’Bass in die Clubs ein und verbreiteten in ihrer Reduktion auf schnelle und harte Drums das kickende Gefühl eines radikalen Neuanfangs. Parallel veröffentlichte Warp die ersten Platten von Aphex Twin oder Autechre und spätestens dann schien ganz klar, wie die neue Zukunft zu klingen hatte. Die 90er können kommen – teilweise.