Das Internet ist ein Gedächtnis
Wir haben uns gefragt, ob ein Verfallsdatum für die Organisation von Datenvergesslichkeit geeignet ist. Außerdem haben wir behauptet, dass Gedächtnisse nicht speichern, und umgekehrt, dass Datenspeicher keine Gedächtnisse sind. Es bleibt aber interessant über digitale Vergesslichkeit nachzudenken wie es Viktor Mayer-Schönberger auf der Re:publica 08 getan hat [Vortrag als Videostream]. Aber Gedächtnis und Vergessen passieren eben nicht dort wo gespeichert wird, sondern dort wo Daten verarbeitet und Informationen prozessiert werden, nämlich im Internet.
Seit Mercedes Bunz’ neuem Buch wissen wir, dass das Internet kein Speichermedium ist, sondern ein Verteiler. Sicher kommt das Internet nicht ohne seinen technischen Unterbau aus, aber als Medium dient es dem Zugänglichmachen, Kopieren und Dezentralisieren. Gespeichert sind Daten auf Servern oder PCs, das Internet und seine Protokolle verbindet diese und ermöglichen den Austausch. Das Internet enthält keine Daten, sondern ermöglicht deren Verteilung und Vervielfältigung.
Auch Gedächtnis erinnert nicht durch Ablegen und Eintüten von Informationen, nicht durch Speichern, sondern arbeitet dort, wo mit Daten umgegangen wird, wo sie verwendet und zu Informationen werden. Das Internet funktioniert dann ganz ähnlich wie ein Gedächtnis: Es aktualisiert bestimmte Daten, lässt sie zu Informationen werden und ermöglicht es, Teile von den gerade verwendeten Informationen abzuziehen. Daraus können dann wieder neue Daten entstehen, aber die Elemente dieses Gedächtnisses sind Informationen, nicht Daten. Das Internet selbst bietet eine Gedächtnisfunktion an, indem es die Verwendung (oder Nichtverwendung) von Gespeichertem ermöglicht, aber nicht erzwingt. Das Internet und seine Benutzung sind also die Instanzen, die auswählen, erinnern und vergessen. Das Internet ist ein Verwaltungsmechanismus für Informationen.
Das klingt nach: Einfach mal laufen lassen. Aber es heißt auch, dass wir selbst verantwortlich sind für das, was wir erinnern wollen. Und Verantwortlichkeit setzt voraus, dass wir „unsere“ Daten auch selbst verwalten können. Dafür sind selbstgewählte Verfallsdaten (nach Mayer-Schönberger) für persönliche Daten ein kluger Punkt. Und natürlich die informationelle Selbstbestimmung. Außerdem geht es bei alldem um Wissen, das oft nicht Einzelnen zuzuordnen ist. Und auch hier bietet das Internet Möglichkeiten zu sichern, was uns wichtig erscheint. Das wird eine langwierige Geschichte, aber nur so kann sie auch nachhaltig sein.