Gedächtnis speichert nicht

Wir haben vorgestern Viktor Mayer-Schönbergers Vortrag [Videostream] auf der Re:publica 08 über „Nützliches Vergessen“ kommentiert. Interessant fanden und finden wir seinen Vorschlag Daten mit einem Verfallsdatum auszustatten, also sein Lob auf das Vergessen. Wir zweifeln zwar daran, dass Zeit als einziges Vergesslichkeitskriterium passt, wollen aber weiter Gedächtnis(theorie) und den Umgang mit Daten zusammenschreiben und dafür jetzt genauer wissen, wie Gedächtnis funktioniert.

Zuerst denken wir bei Gedächtnis an ein Speichern und Abrufen von Erinnertem, gerade wenn es um Daten geht: Gemerkt wird durch Speichern, erinnert durch Abrufen und Vergessen können wir Daten durch Löschen. Von Daten können wir das so sagen, aber entscheidend sind die Informationen, und die können nicht gespeichert werden, sondern entstehen immer erst dann wenn Daten verwendet werden und in einem bestimmten Kontext. Das meint wohl auch Mayer-Schönberger, wenn er von der Dekontextualisierung und Rekontextualisierung beim Speichern und Wieder-Verwenden von Daten spricht. Es ist unmöglich den kompletten Kontext mit zu speichern, denn das würde z.B. den Bewusstseinszustand des Seichernden miteinschließen. Wegen diesem unaufhebbaren Unterschied zwischen Daten und Informationen wird Datenvergesslichkeit sinnvoll.

Gedächtnis aber funktioniert nicht nach dem Schema Speichern-Abrufen-Löschen. Sich an das Mittagessen von gestern zu erinnern macht es noch nicht möglich sich eine Pizza aus der Nase zu ziehen. Gedächtnis speichert nicht, und es kann auch nicht Vergangenes in die Gegenwart kopieren. Gedächtnis ist keine Zeitmaschine. Gedächtnis ist kein Container, sondern eine immer mitlaufende Unterscheidung zwischen Erinnern und Vergessen. Gedächtnis zieht von dem, was im Moment passiert, bestimmtes ab, generalisiert, schematisiert und ersetzt. Gedächtnis »reimprägniert«. Dabei ist die primäre Funktion des Gedächtnisses das Vergessen. Erinnert wird nur ab und zu. Das Gedächtnis soll sein System frei halten von unnötiger Belastung und verhindern, dass es an bestimmten Erinnerungen hängen bleibt und dann alles Neue als schon Bekanntes behandelt. Gedächtnis muss ständig verhandeln zwischen Variabilität und Redundanz, zwischen Erinnern und Vergessen. Vergessen ist also auch aus unserer Perspektive genauso wichtig wie Erinnern.

Nach alldem sind Datenspeicher keine Gedächtnisse und müssen deswegen auch nicht vergessen. Das heißt nicht, dass Vergessen nicht wichtig wäre, aber wir müssen an anderen Punkten ansetzten. Nämlich dort, wo Daten verarbeitet und Informationen prozessiert werden. Das macht die Sache komplizierter.