Schimmlige Daten
Viktor Mayer-Schönberger hat uns wieder dazu gebracht über das Internet als Gedächtnis zu schreiben. Aktueller Anlass war diesmal sein Vortrag auf der Re:publica 08 über »Nützliches Vergessen«. Mayer-Schönberger meint (auch im Interview mit Nicole Simon), zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sei das Erinnern von Daten zum Standard, zur default geworden. Das Problem sei dabei, dass Daten abgelöst von ihrem Kontext gespeichert werden (dekontextualisiert werden), um dann beim Erinnern in anderen und neuen Kontexten erscheinen zu müssen. Es werden eben Daten gespeichert und keine Informationen.
Bestimmt kommt was dabei rum, wenn man Datennetzwerke (das Internet) als Gedächtnis beschreibt. Das und die Frage nach „nützlichem Vergessen“ trifft genau das Dilemma digitaler Datenverteilung, nämlich den ständigen Widerspruch zwischen Datenschutz und Informationsfreiheit. Welche Daten müssen, sollen, dürfen noch übermorgen verfügbar sein und wie regelt sich das? Das betrifft dann auch, aber nicht nur den Komplex aus Datenschutz, informationeller Selbstbestimmung und personenbezogenen Daten. Genauso wichtig sind die (noch komplizierteren) Fragen nach der Qualität oder Relevanz von Daten. Wir wollen und können uns nicht alles merken, aber soll bestimmt werden (und wie), welche Daten es wert sind verbrannt gelöscht zu werden. Tückisch ist das.
Mayer-Schönberger schlägt für die Umstellung auf das Vergessen ein Verfallsdatum für Daten vor: Gleich bei der Speicherung wird festgelegt, wann die Daten zu schimmeln anfangen und auf den Kompost müssen. So einen Mechanismus können wir erst mal bewundern für seine Pragmatik und (scheinbare) Unabhängigkeit von Qualitätsurteilen. Aber: Wir zweifeln daran, dass Zeit allein als Maßstab genügt, schon gar nicht bezogen auf die Qualität und Relevanz von Daten. Im Gegenteil: Der sich beschleunigenden Gesellschaft fehlt es nicht an der Einsicht, dass Daten eine immer kürzere Lebenserwartung haben, sondern es mangelt vielmehr an stärker zeitunabhängigen Formen für Relevanz. Nichts ist älter als die Feeds von Vorgestern. Das ist nichts Neues. Wir kennen den idealen Algorithmus digitaler Datenvergesslichkeit nicht, aber niemand soll denken, dass eine radikale Temporalisierung das Problem der Relevanz umgeht oder löst. Ältere Leute wissen oft nicht mehr, was gestern passiert ist, aber dafür die Lieder ihrer Kindheit auswendig. Das ist sicher nicht immer praktisch, hat aber einen Grund.