Texte täuschen

“Luat enier Sidtue an eienr elgnhcsien Uvrsnäiett, ist es eagl in wcheler Rhnfgeeloie die Bstuchbän in eniem Wrot agnoredent snid. […] Das legit daarn, dsas wir nhcit jeednn Bstuchbän äilln lseen, srednon Wrote als Gzanes.”

Der kleine Text hier scheint zu funktionieren wie eine optische Täuschung. Wir kompensieren irgendwie das, was erfahrungsgemäss fehlt, falsch oder erwartbar ist. Optische Täuschungen kennt - glaube ich - doch jeder, aber “linguistische Täuschungen” sind neu - mir zumindest. Oder ist die textförmige Täuschung verbreiteter, als man meinen könnte? In gewisser Hinsicht funktioniert ja jeder Text als (linguistische) Täuschung. Texte als solche haben keine Bedeutung oder zumindest nur eine, die erst (mehr oder weniger richtig) verstanden werden muss. Dabei sind gerade Texte mehr als die meisten anderen Objekte auf Kompensation angewiesen, um Sinn zu erlangen. Wie optische Täuschungen sind Texte erst einmal etwas anderes als wir in ihnen sehen, nämlich schwarze Flecken auf weissen Blättern und Displays. Erst unsere Kompensationsleistung ist es, die Texte in Sprache verwandeln kann. Es sind wir, die jeden Text erst um Täuschungen ergänzen müssen, damit Sinn und Kommunikation entstehen kann. Genau diese Kompensation, diese Täuschung nennen wir “Lesen”.

Mindestens seltsam, dass gerade beim Lesen Kompensation und Täuschung zusammenkommen. Ich denke, gerade das macht Lesen spannend und Texte damit zu so faszinierenden Objekten. Und nicht nur das Lesen selbst kann deshalb so fesselnd sein. Man kann ausserdem nach dem Lesen andere fragen, wie sie vom selben Text anders getäuscht worden sind. Das können so nicht mal optische Täuschungen. Klingt nach einem riesen Spass. Mach ich mal. Ach, ihr habt schon? Und, wie war es?

Bild von hier.

[Dieser Text ist ursprünglich am 26.10.2007 in der Berliner Gazette erschienen.]