Redundanz
Die Berliner Gazette hat eine Zusammenstellung einiger Texte zu Wikileaks veröffentlicht, das Medien-Dossier: Die Welt nach Cablegate. Auch von mir ist ein Text dabei, der nur so mittel mit Cablegate zu tun hat. Dort habe ich mich gewundert über Hypes, also über die Inflation bestimmter Themen, die zwar als Makel gilt, aber ständig passiert.
Wie kann das sein? Vielleicht weil die vielen neuen, kleinen Sender, also wir mit unseren Updates und Blogs, so ausdifferenziert voneinander kommunizieren, dass man nie so genau weiß, was die anderen schon wissen. Lange bleibt undurchsichtig, wen man noch informiert und wen schon langweilt. […] Was hat uns der Hype zu sagen? Es steht und fällt mit der Frage, wer was weiß. Es geht um Informiertheit über Informiertheit. So gesehen ergänzt der Hype die Liste der Phänomene, die sich die Gesellschaft mit dem Internet zumutet. Im Gegensatz aber zu Datenschutz, Privatsphäre und Urheberrecht geht es nicht nur um die Unkontrollierbarkeit von Daten, sondern mehr noch um eine neue Unsicherheit darüber, wo welche Information schon sind. So funktioniert der Hype am Ende wenigstens als Indikator für Informiertheit und vielleicht auch als heilendes Fieber.
Was mich fasziniert hat, ist der Eindruck von Redundanz-Kluften. Es fällt mir immer öfter auf, dass es mir schwer fällt einzuschätzen, wann ich wo wen informieren kann. Das meint dann gar nicht so sehr die ganz großen Hypes, sondern eher die kleineren, gewissermaßen lokalen: Ein neues Google-Ding erscheint, auch ich bin interessiert, möglicherweise live dabei und das ganze Twitter ist voll damit. Natürlich ist es nicht unbedingt das ganze Twitter, sondern erst einmal nur mein Twitter, so wie ich es mir zusammenselektiert habe. Jedenfalls aber weiß, wenn ich später vor die Tür gehe, weder meine kreischende rumänische Nachbarin davon, noch mein Freund ein paar Strassen weiter von der Sache.
Pop ist auch so ein Fall. Alben, die in den fast konservativen Mittelbau der Popkulturberichterstattung wie beim Zündfunk oder in der Intro als heißer Scheiß gefeiert werden, gelten spätestens damit dann auch schon als total durchgehypet, jedenfalls bei manchen. Gleichzeitig ist die Empfehlung vielen noch eine wertvolle Nachricht. Das meine ich mit Redundanz-Kluften: auf der einen Seite überinformierte selbstbezogene Netzwerke, auf der anderen Kontexte mit wesentlich weniger Ahnung oder Interesse.
I heart a sound 2010
The Internal Tulips – Mislead Into A Field By A Deformed Deer
James Pants – Seven Seals
Darkstar – North
Gonjasufi – A Sufi and a Killer
Mount Kimbie – Crooks & Lovers
Autechre – Oversteps
Ikonika – Contact, Love, Want, Have
PQ – You’ll Never Find us Here
Department of Eagles – Archive 2003-2006
Twin Shadow – Forget
Max Richter – Infra
Baths – Cerulean
John Roberts – Glass Eights
Nicolas Jaar - Resident Advisor 211 [hören]
Autechre - FACT Mix 122 [hören]
Arto Mwambe – Live at Robert Johnson 6
Firefly S01E01
Ein Fluzeugabsturz. Gleich so zu Beginn. Und sogar einer von den ephatiefreien, bei denen man Nichts aus dem Inneren des Flugzeugs erfährt, also ob beispielsweise Familienmitglieder an Bord sind, also natürlich nicht die eigenen, das ist ausgeschlossen, aber doch vielleicht die Mitglieder irgendeiner Familie, die man, wenn es ganz schlecht läuft, gar noch kennenlernt innerhalb so einer Episode. Aber nein, man erfährt glücklicherweise nichts von Familienmitgliedern, Familien oder sonst irgendwelche Details aus dem Inneren des abstürzenden Flugzeugs. Um ein Kriegsflugzeug scheint es sich außerdem zu handeln und da ist es ja gleich doppelt nicht emphatiebedürftig. Ich hatte also meinen gerechten Spaß mit der frühen Explosion des Flugzeugs.
Eine interstellare, postapokalyptische Welt ist es, in der Flugzeuge in dieser Weise abstürzen. Die Imperialen Truppen sind – wie es sich gehört – gekleidet wie Nazis, die sympatische Schmugglertuppe, die größtenteils aus Protagonisten zu bestehen scheint, sieht aus wie eine Mischung aus Cowboys, Cowgirls und Piraten. Gerade das mit den Cowpeople lasse ich mir nicht mehr ausreden, aber ich habe ja auch den fürchterlichen Country-Theme-Song gehört, der mich in dieser Hinsicht befangen gemacht haben muss. Es geht um »Freedom« und ist sehr sing- und country-lastig.
Ein erster Planet, auf dem die Gruppe landet, sieht asiatisch aus, was eigentlich dumm ist zu sagen, weil ja in Wahrheit nichts »asiatisch« aussieht, sondern allenfalls japanisch, chinesisch oder wie aus Butan stammend. Es ist schließlich auch Quatsch etwas »europäisch« zu nennen. Man muss schon das genaue Land angeben, dessen Eigenschaften man meint. Sonst kann einen niemand verrstehen. Trotz alledem: Der erste Planet sieht asiatisch aus. Der große Rest der Episode ist schnell erzählt, gerade wenn man, wie ich, keine Lust hat ihn zu erzählen.
Contact, Love, Want, Have
Was man lange einfach Dubstep genannt hat, wird immer diffuser und widerspenstiger. Ein gutes Zeichen, heisst es doch, das Ding ist am Leben. Verdanken darf man das neben vielen anderen Ikonika, bürgerlich Sara Abdel-Hamid, die ihre seltsame Bassmusik seit 2008 vor allem auf dem Londoner Label Hyperdub veröffentlicht. War Ikonika bisher eines der vielen Wunderkinder auf dem Querschläger Hyperdub, macht sie jetzt mit ihrem Album einen hörbaren Unterscheid.
Im von Dubplates und Neuheit strukturierten Hardcore-Universum bietet sich das Format Album nur wenig an und wer es trotzdem wagt, muss einen Drahtseilakt stehen zwischen nichtssagendem Fahrstuhlstep und allzu schematischer Tanzmusik. Ikonikas Ausweg aus dieser Misere ist sperrig, nicht aber kompliziert und schon gar nicht Hightech. Das Album biedert sich weder dem leichten Hören noch der Tanzfläche an.
»Contact, Love, Want, Have« ist voller Science-Fiction und Videospiel-Utopie. Das macht das Ganze überraschend emotional, auch dafür dass es mit so einfachen und abstrakten Synthiesounds arbeitet. Es geht monumental und verträumt zu, bleibt aber immer angespannt, nicht zuletzt wegen Ikonikas seltsam unruhigen Melodien und hüpfenden Rhythmen. Ein gutes Stück Pop: leichtfüßig, verspielt, laut und schief.
Richtung Dekadenz
Dekadenz ist das Gegenteil von Fortschritt, schlimmer noch als Stillstand, eine Bewegung in die falsche Richtung. Wer anderen Dekadenz vorwirft, scheint zu wissen, wohin es richtigerweise geht. Und das ist nicht ganz einfach, denn die Welt an sich kennt keine Richtung und weder Fortschritt noch Dekadenz. Die Welt geht nur weiter.
Die Geschichte hat oft schon gezeigt, wie eine klare Richtung hinderlich sein kann; entweder weil dem Fortschritt in die eine, richtige Richtung alles andere untergeordnet und geopfert wird, oder weil das bekannte und unabänderliche Ziel bewegungslosen Fatalismus generiert. Das ganze Konzept Geschichte führt in die Irre, wenn es Geradlinigkeit suggeriert, wo es eigentlich nur Möglichkeiten gibt. Die Evolutionstheorie würde sagen, man kann Zukunft weder Planen noch Vorhersagen, man kann nur probieren und sehen, was passiert.
Dazu passt das neue Buch von Passig/Scholz über das Verirren, ist das doch eine Bewegung genau in diesem Sinne, ungeplant und unvorhersehbar. Ja zu einem Gedächtnis, das anzeigt, was bereits mit welchem Ergebnis ausprobiert wurde, aber Nein zu einer Diktatur der Vergangenheit über die Zukunft. Auf die Rede von Dekadenz und Fortschritt zu verzichten, heisst nicht Utopien auszuschliessen, sondern nur zuzugeben, die Richtung nicht zu kennen.